Michael Theißen: Leons Erbe

20161206_143132.jpgOriginaltitel: Leons Erbe

Autor: Michael Theißen

Verlag: Bastei Entertainment

Genre: Thriller

Seitenzahl: 265

Erscheinungsjahr: 2016

ISBN: 978-3-7413-0014-1

Vor einer Weile habe Leons Erbe bei der #Leseparty-Verlosung von Jess von primeballerina’s books gewonnen. Allerdings hat mich der Thriller nicht von der ersten Seite an gefesselt.

Klappentext:

Für Katja bricht eine Welt zusammen, als ihr Sohn Leon bei einem Autounfall ums Leben kommt. Es ist der zweite schwere Schicksalsschlag in kurzer Zeit. Erst vor sechs Monaten ist ihre Schwester spurlos verschwunden. Als Katja nach Leons Trauerfeier einen Anruf erhält, überschlagen sich die Ereignisse: Ein Notar ist im Besitz einer Kiste, die Leon seiner Mutter vererbt hat. Als Katja die Kiste öffnet, entdeckt sie darin ein Armband, das ihrer Schwester gehörte. Wie ist ihr Sohn in den Besitz dieses Armbands gekommen? Und warum hat er es bei einem Notar hinterlegt? Was will Leon seiner Mutter aus dem Tod heraus damit sagen? Für Katja beginnt eine Suche nach der Wahrheit – nichtsahnend, dass sie damit die Tür zu einem dunklen Familiengeheimnis öffnet …

Leons Erbe ist ein Debüt und das merkt man der Geschichte leider auch an. Gerade der Beginn ist eher holprig und fast schon abschreckend geraten. Wir erleben die Handlung aus Katjas Perspektive, was uns wohl zum Mitfiebern und Mitdenken animieren soll. Allerdings ist Katja eine recht anstrengende Protagonistin.

Einerseits ist sie nämlich ziemlich emotional und badet im Selbstmitleid. Ihr Alltag besteht momentan aus nichts anderem, als über ihren toten Sohn und ihre verschwundene Schwester zu sinnieren. Natürlich, unmittelbar nach dem Verlust eines Kindes sollte sie nicht fröhlich herumspazieren, aber abgesehen von ihrer Familie und ein paar Anzeichen, dass sie eigentlich Arbeit hätte, ist ihr Charakter in ein Vakuum gehüllt.

Was sind ihre Hobbies? Wer sind ihre Freunde? Was macht sie überhaupt im Leben als Mutter und Ehefrau sein?

Andererseits ist sie in manchen Situationen widerrum überraschend gefühlskalt. Gerade im Umgang mit ihrem Mann und ihrem Vater verhält sie sich so manches mal, als handle es sich um einen entfernten Großonkel, dem man zwar die verwandtschaftlichen Pflicht-Nettigkeiten gegenüber erweist, an dem man aber nicht wirklich hängt.

Doch auch mit den Schreibstil hatte ich zu Beginn meine Probleme, was sich auf zweierlei Umstände zurückführen lässt: Erstens beschreibst Theißen mehr als zu zeigen. Man kennt solche zusammengefassten Dialoge, in denen Charaktere anderen erzählen, was sie (für den Leser zuvor ausführlich dargestellt) erlebt haben. Solche Zusammenfassungen werden allerdings hier gerne auch mal dem Leser als Handlungsersatz vorgesetzt. 50 Seiten mehr, dafür aber die Möglichkeit, die Handlung selbst mitzuerleben, hätten dem Buch durchaus gut getan.

Und nein, man erzeugt auch keine Spannung, indem man die Protagonistin „irgendwas“ recherchieren lässt, dies nicht genauer definiert und nach anderen Handlungselementen dann doch noch mit der Information rauszurücken. Wenn man schon die erste Person wählt und im Präsens erzählt, sollte man uns Leser nicht aus dem Kopf der Protagonistin aussperren.

Zweitens bin ich mir beim Schreibstil auch nicht sicher gewesen, ob eine tiefere Analyse dessen nun gewollt ist oder nicht. Denn einerseits legt Theißen sehr viel Wert auf die Atmosphäre, sodass sie quasi schon „Analysiere mich!“ schreit, andererseits fällt die Wahl der Stilmittel stellenweise wirklich plump aus. Ellipsen in einer zu betonenden Aussage in einem Streit lassen das Gesagte beispielsweise schnell beiläufig und somit unglaubwürdig wirken.

Vermutlich liegt es an der Summe derartiger Kleinigkeiten, dass ich mit den Charakteren nicht wirklich warm geworden bin – denn mit Ausnahme eines Arztes in einer Psychatrie haben die meisten Charaktere auf mich nicht plastisch genug gewirkt. Vermutlich sind manche von ihnen allerdings auch nur so merkwürdig geraten, um falsche Fährten zu streuen.

Das allerdings muss ich Leons Erbe anrechnen: Ich hatte nicht mit dieser Endauflösung gerechnet, sodass es doch spannend zu verfolgen war, wie sich letztendlich alles zusammenfügt. Und umso erstaunlicher ist es, wieviele falsche Fährten Theißen uns legt. Denn im Vergleich zur Komplexität der Geschichte ist das Ende doch überraschend offensichtlich.

Insgesamt leidet Leons Erbe also an ein paar größeren und kleinere Debüt-Krankheiten wie dem Schreibstil oder der Charakterausarbeitung. Wenn man sich davon zu Beginn jedoch nicht abschrecken lässt, wird man immerhin mit einem spannenden Ende belohnt. Dafür vergebe ich 2 von 5 Kreuzen.

† † † † †

Gezeichnet Seitenfetzer

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3 Kommentare zu “Michael Theißen: Leons Erbe

  1. Bücher, die aus der Ich-Perspektive geschrieben sind, fühlen sich (zumindest, wenn ich sie lese) immer erst etwas merkwürdig an. Ich habe auch das Gefühl, dass man sich damit als Autor noch mehr Arbeit macht. Denn wie du geschrieben hast, fühlt man sich ausgesperrt, wenn man nicht an den Gedanken der Person teilhaben kann. Aber genau das braucht diese Perspektive eigentlich. Manch ein Autor schafft es aber mit einer Er/Sie Perspektive deutlich besser, einem den/die Charakter/e nahe zu bringen, als es bei manchen ich-Erzählungen der Fall ist.
    Wer weiß, vielleicht lernt Theißen daraus und kann in seinem nächsten Buch diesen anscheinend sehr gelungenen Twist (bzw. die Auflösung) noch mit einer besseren vorher gegangenen Erzählung kombinieren

    • Ave,
      eine gut gemachte Ich-Perspektive mag ich eigentlich sehr gerne. Aber wie du sagst: Für Theißen wäre die dritte Person womöglich erstmal ratsamer.
      Hast du eigentlich eine Lieblings-Erzählperspektive?

      • Nicht wirklich, je nachdem wie das vom Stil ist, mag ich die erste und dritte Person-Erzählung gleich gerne. Allerdings finde ich, dass man auch aus der dritten Person sehr gut das Innere eines Charakters gut beschreiben kann. Hängt sehr vom Autor ab 😀

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