Fynn: Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna

20160905_163926.jpgOriginaltitel: Mister God, This Is Anna

Autor: Fynn

Verlag: Weltbild

Genre: Kinderbuch, Jugendbuch

Seitenzahl: 155

Erscheinungsjahr (Erstausgabe): 1974

ISBN: 3-8289-7016-8

Gelegentlich stößt man auf Zitate aus diesem Buch mit dem merkwürdigen Titel Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna und nachdem mir diese schon mehrfach im Religionsunterricht begegnet sind, wurde ich doch neugierig auf die Geschichte, die folgenden Klappentext besitzt:

Sie reckte sich, setzte sich auf die Fersen, hockte da und kicherte. Schließlich kroch sie näher zu mir. Wußte sie von jenem winzigen Schmerz, der mich angerührt hatte? Sie sagte: <<Fynn, du hast mich lieber als irgendwer sonst. Aber Mister Gott ist anders. Siehst du, Fynn, Leute lieben von außen rein, und sie können von außen küssen, aber Mister Gott liebt dich innen drin und kann dich von innen küssen, darum isses anders. Mister Gott ist nicht wie wir. Wir sind bloß ein bisschen wie er. Aber nicht sehr viel.<<

Die Geschichte von Anna und dem lieben Gott ist das erfolgreichste und zugleich anrührendste und menschlichste Buch der letzten Jahrzehnte. Silvio Neuendorf, der Illustrator, versteht es mit kongenialen Strich die Echtheit und den Charme des >>cleveren Engels<< umzusetzen und sichtbar zu machen. Heiterkeit und Trauer, Freude und Melancholie, Zartheit mit Elan gepaart entfalten sich in seinen farbigen Bilderwelten.

Gerade weil ich einzelne Zitate schon aus dem Unterricht kannte, waren meine Erwartungen entsprechend hoch. Was dort genutzt wurde, musste doch einem philosophisch-theologischem Meisterwerk entstammen, so dachte ich.

Allerdings geht es in erster Linie um die vielen kleinen Alltagsbegebenheiten, die Fynn mit Anna gemacht hat. Ein junger Mann nimmt ein ausgerissenes Mädchen mit zu sich nach Hause, wo es von seiner Familie aufgenommen wird, und beginnt so die Welt nochmal aus Kinderaugen zu sehen. Dabei ist der Eindruck der Welt, den er durch Anna erfährt, scheinbar viel mehr als das bloße Erleben der Kindheit.

Und da sind wir schon bei meinem ersten Problem mit Anna. Sie wird nicht einfach nur als ein mutiges, nicht gerade anpassungswilliges Mädchen dargestellt.

Nein, sie gewinnt automatisch das Herz der ganzen Nachbarschaft und weiß alles besser, was sie aber nicht nervig sondern nur noch toller macht, sodass Fynn sie sogar als einen Engel bezeichnet. Kurzum, sie ist einfach absolut perfekt. Und das stört mich immens, insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich die Geschichte als möglicherweise wahre Begebenheit verkaufen will.

Leider konnten mich auch die philosophischen Gedankenansätze nicht über diesen Umstand hinwegtrösten. Ja, sie scheinen immer wieder leicht durch und das ein oder andere Kapitel wie Betrachtungen über den Tod muss ich mit Anerkennung belohnen. Dennoch werden die meisten Ansätze durch kindlich-naive Lösungen wie die Einführung der Zahl Squintillion albern.

Kombiniert damit, dass Anna eben alles Wissen der Welt durch bloßes Spielen und Kindsein erlangt zu haben scheint, wirkt Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna dann doch eher als pseudo-tiefgründige Ansammlung zugegebenermaßen unkonventioneller Themenverknüpfungen.

Wie beim Kleinen Prinzen stehe ich auch hier der Glorifizierung der Weltsicht aus Kinderaugen kritisch gegenüber. So manches mag uns beim Erwachsenwerden verloren gehen, aber wir gewinnen eben auch etwas. Dieser Gewinn wird durch Anna eben negiert, da dieses perfekte Wunderkind das beste aus beiden Lebensabschnitten in sich vereint hat.

Und dabei ist sie den Kindern in ihrer Leichtigkeit und den Erwachsenen in ihrer Ernsthaftigkeit selbstverständlich überlegen. Soll man nun als Lehre daraus ziehen, dass man die Welt erst richtig verstehen kann, wenn man noch infantiler als jedes Kind wird?

Insgesamt bietet Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna also stellenweise tatsächlich schöne Denkanstöße. Allerdings wird auch einiges durch die Protagonistin verschenkt, die den Titel „Hallo, da draußen, hier spricht die Perfektion in Person“ ebenfalls gerechtfertigt hätte. Deswegen vergebe ich 2 von 5 Kreuzen.

† † † † †

Gezeichnet Seitenfetzer

Advertisements

Meinung schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s