Elizabeth Scott: Living Dead Girl

20160329_151330.jpgOriginaltitel: Living Dead Girl

Autor: Elizabeth Scott

Verlag: Simon Pulse

Genre: Jugendbuch, Englisch

Seitenzahl: 170

Erscheinungsjahr: 2008

Living Dead Girl ist ein eher unscheinbares, dünnes Buch, das ein Thema behandelt, welches nur mit Vorsicht – gerade als fiktives Werk – umgesetzt werden kann. Der Klappentext verrät Folgendes:

The thing is, you can get used to anything. You think you can’t, you want to die, but you don’t. You won’t. You just are.

This is Alice. She was taken by Ray five years ago. She thought she knew how her story would end. She was wrong.

„Alice“, wie ihr Entführer Ray sie nennt, ist zum Zeitpunkt der Handlung 15 Jahre alt. Und obwohl Ray möglichst viel dafür tut, um ihre Entwicklung aufzuhalten, ist sie doch eindeutig kein Kind mehr. So glaubt sie, bald auf die eine oder andere Weise aus der Gefangenschaft zu entkommen, insbesondere als Ray davon spricht, ein neues Mädchen zu entführen.

Wenn man das durchblättert, fallen die vielen kurzen Kapitel auf. Tatsächliche bestehen einige nur aus ein paar wenigen Sätzen. Dennoch sollte man dieses Buch nicht unterschätzen. Denn so wenig es von der Textmenge her erscheinen mag, umso schwerere Kost ist es inhaltlich.

Dies liegt gar nicht mal zwingend daran, was Ray mit Alice anstellt. Es wird zwar deutlich, dass er sie sexuell missbraucht und gewalttätig ist, aber Scott legt den Fokus letztendlich auf Alices Psyche. Ihr Schreibstil schafft eine Atmosphäre, die zu dem Titel sowie Alices märchenhaften Namen passt. So wirkt ihre Lebenssituation einerseits sehr konkret und erfassbar, andererseits aber auch unwirklich und unbegreiflich, was wohl auch Alices Gefühle sein dürften.

Einerseits hat sie sich irgendwie mit ihrem Alltag, der überwiegend aus Fernsehen besteht, arrangiert und sich daran gewöhnt, andererseits ist das, was ihr widerfahren ist und was eigentlich hätte sein können, unbegreifbar für sie. Diesen Effekt unterstützen auch die Rückblenden, die den Großteil der kürzeren Kapitel ausmachen und passenderweise teilweise mit „Once upon a time“ eingeleitet sind.

Diese Unfähigkeit Alices, sich eine normale Welt auch nur vorzustellen, neben ihrer Hilflosigkeit in der Situation, sorgt auch beim Leser für ein Gefühl der Machtlosigkeit. Und so fällt es auch leicht, ihr ihre nach normalen moralischen Maßstäben verwerflichen Gedanken zu verzeihen. Denn Alice ist keine Heldin, die wie ein Phönix aus der Asche Stärke aus ihrer Situation bezieht, was in diesem Kontext wohl auch unangebracht wäre, sondern bloß ein gebrochenes Mädchen.

Umso beeindruckter war ich vom Ende des Buches. Es scheint alles darauf herauszulaufen, dass es zur absoluten Katastrophe oder zum absoluten Happy End kommt, aber auf die Art von Ende, mit der ich tatsächlich konfrontiert wurde, war ich nicht vorbereitet. Es ist ein gemeines Ende, aber ein passendes.

So bleibt Living Dead Girl nach dem Lesen noch lange in den Gedanken, was womöglich auch an der Kürze des Buches liegt. Einerseits wünscht man sich, dass die Geschichte doch noch etwas mehr enthalten würde – beispielsweise eine Erinnerung an Alices Eltern – andererseits ist es wohl die Prägnanz des Buches, die die Geschichte auch noch nach dem Lesen im Kopf widerhallen lässt.

Insgesamt ist Living Dead Girl also eine gelungene fiktive Umsetzung des Themas Kindesentführung, die gerade von ihrer Kürze sowie der geschundenen Psyche der Protagonistin lebt. Da ich wohl noch sehr oft an die Geschichte zurückdenken werde, vergebe ich 5 von 5 Kreuzen.

† † † † †

Gezeichnet Seitenfetzer

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