Hella Wertheim: Immer alles geduldig getragen

20160314_155636.jpgOriginaltitel: Immer alles geduldig getragen – Als Mädchen in Theresienstadt, Auschwitz und Lenzing, seit 1945 in der Grafschaft Bentheim

Autor: Hella Wertheim & Manfred Rockel

Herausgegeben von: Museumsverein für die Grafschaft Bentheim

Genre: Biographie

Erscheinungsjahr: 1992

Der Name Hella Wertheim ist in meiner Heimat wohl vielen noch ein Begriff. Die 2012 verstorbene Holocaust-Überlebende verbrachte ihre letzten Jahre damit, als eine der raren Zeitzeugen von ihren Erlebnissen zu berichten. Bereits 1992 hat sie dies auch in schriftlicher Form getan: In dem Buch Immer alles geduldig getragen, das nach einer Reihe von Gesprächen mit Manfred Rockel entstand.

In Immer alles geduldig getragen berichtet Hella Wertheim von den Erlebnissen ihres Lebens – von der Kindheit und den ersten Diskriminierungen über die Grausamkeiten in den Lagern bis hin zu ihrer Lebenssituation nach dem Krieg. Zudem finden sich zu den angesprochenen Themen Informationstexte, die ihre Schilderungen mit Fakten unterlegen, sowie verschiedenste passende Bilder.

Bei so einer Thematik ist es nicht verwunderlich, dass dieses Buch Eindruck hinterlässt. Die Erlebnisse allein reichen schon aus, um den Leser sprachlos zu machen, aber gerade die Kombination aus Fakten und Einzelschicksal sorgen für eine nachhaltige Einprägsamkeit.

Allerdings hätte man die Textgestaltung dieser geschickter gestalten können: Denn so finden sich auf der linken Seite jeweils die Informationstexte und auf der rechten Seite den Bericht von Hella Wertheim. Zwar gewöhnt man sich mit der Zeit daran, beim Umblättern immer nur jede zweite Seite zu lesen. Jedoch muss man so jedes Kapitel wirklich „zweimal“ Lesen, da die Seiten manchmal mitten im Satz enden und ein abwechselndes Lesen so unmöglich wird.

Wie bereits erwähnt findet auch die Zeit nach dem Krieg Platz in dem Bericht. Einerseits eröffnet sich so ein Blickwinkel, den man bei dieser Thematik oft vergisst, nämlich dass mit der „Befreiung“ die Probleme der Opfer längst nicht aufhörten, gab es für solch entwurzelte Menschen wie Hella Wertheim keinen Ort, an den sie hätten zurückkehren können.

Andererseits tritt so der Schrecken der Lager auch ein Stück weit in den Hintergrund. Es ist natürlich verständlich, dass die Erinnerung an die Nachkriegszeit leichter fällt als die Zeit in den Lagern, aber gerade diese macht so deutlich, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Dem Buch hätte das ein oder andere Kapitel mehr zur vollen Entfaltung (sofern es Hella Wertheim möglich gewesen wäre) des Themas wohl nicht geschadet.

Abgeschlossen wird das Buch mit dem Informationstext „Eine Reise in die dunkle Vergangenheit“, dem nur noch ein Nachwort des Verfassers folgt. In diesem Informationstext schildert Rockel seinen gemeinsamen Besuch des Ghettos Theresienstadt mit Hella Wertheim. Diese Beschreibung ihrer Reaktionen auf die Konfrontation mit dem Ort ihrer schweren Vergangenheit verleihen dem Buch einen aufwühlenden, aber passenden Abschluss.

Insgesamt ist Immer alles geduldig getragen also eine gelungene Mischung aus Fakten und Einzelschicksal, bei der auch die schnell vergessene Nachkriegszeit thematisiert wird. Einzig die Textgestaltung sowie die Ausführlichkeit wären noch ausbaufähig. Dafür gibt es 4 von 5 Kreuzen.

† † † †

Gezeichnet Seitenfetzer

 

 

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