Teufelsgrinsen – Ein Fall für Anna Kronberg

untitledOriginaltitel: The Devil’s Grin

Autor: Annelie Wendeberg

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Genre: Krimi

Seitenzahl:262

Erscheinungsjahr: 2014

Von der Aufmachung her sieht dieses Buch ja doch recht schick aus. Die verschwommenen Wahrzeichen Londons im Hintergrund und dieser kühle Farbton machen schon was her, obgleich die Frau im Vordergrund sich ein wenig zu sehr davon abhebt. Der Klappentext enthält einen berühmten Namen, der mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat:

Niemand kennt Anna Kronbergs Geheimnis – bis Sherlock Holmes sie durchschaut …

In einer Zeit, in der nur Männer an Universitäten zugelassen sind, schneidet sich Anna Kronberg die Haare ab, zieht Hosen an und studiert Medizin.

Als angesehener Arzt gerät sie in das Zentrum einer monströsen Verschwörung und selbst in tödliche Gefahr, der sie nur mithilfe ihres scharfen Verstandes – und dem Beistand von Sherlock Holmes – entkommen kann.

Ein viktorianischer Krimi mit einer starken Heldin, die ihrer Zeit weit voraus ist

Ignorieren wir für einen Moment diese erste Beweihräucherung der Protagonistin. Es ist offensichtlich, dass mich allein der Name Sherlock Holmes angezogen hat, obwohl ich eine Befürchtung hatte, die sich leider bewahrheitet hat.

Das Buch dreht sich vor allem um Anna Kronberg, die in der Rolle des Anton Kronberg ein Doppelleben als Arzt führt. Als die Leiche eines Choleraopfers auftaucht, lernt sie Sherlock Holmes kennen, wird von ihm durchschaut und beginnt mehr oder weniger mit ihm gemeinsam ermittelnd einer Gruppe krimineller Ärzte auf die Schliche zu kommen.

Leider hat die Geschichte allerdings ein großes Problem: Sie behandelt vor allem Anna Kronberg und diese ist eine Mary Sue. Zunächst einmal ist sie natürlich etwa so begabt wie Sherlock Holmes, kann ebenfalls sehr gut Dinge kombinieren, verfügt über größeres Trivialwissen auf manchen Gebieten als er, hat einerseits eine etwas abfällige Art Menschen gegenüber, hat andererseits aber auch ein Herz für die Menschen in dem Eldensviertel, in dem sie freiwillig lebt und freiwillig behandelt und und und. Allein in diesem Satz dürfte deutlich werden, dass sie als Charakter ein wenig zu gut ist. Doch damit nicht genug.

Wie bereits erwähnt, ist sie Sherlock Holmes teilweise ebenbürtig oder sogar ein wenig cleverer, wodurch er in manchen Szenen eher wie Watson und nicht wie das Genie wirkt. Gott sei Dank ist dies nicht auf jeder Seite der Fall, doch nervig ist es trotzdem.

Was mich aber tierisch aufgeregt hat, ist die Degradierung Watsons zum größten Pappaufsteller Londons. Er kommt in der Handlung zwar kaum vor und ich dachte lange Zeit, Wendeberg hätte diesen Charakter sogar völlig vergessen, doch als er dann doch einmal in Erscheinung treten darf, ist es einfach zum Haareraufen. Eine Frage an den geneigten Sherlock Holmes-Fan: Welchen Beruf übt Watson nochgleich aus? Richtig, er ist Arzt. Aber damit Mary Sue Kronberg zeigen kann, was für eine Super-Ärztin sie ist, darf Watson keinerlei Ahnung von Tetanus und dessen Verbreitung haben. Im Grunde existiert Watsons Charakter nur, um Holmes Interesse an Mary Sue Kronberg auszudrücken.

Denn natürlich entwickelt dieser irgendwie Gefühle für sie und sie auch für ihn aber sie können einfach nicht zusammenfinden, weil… Weil es halt tragischer so ist, schätze ich. Abgesehen davon hat unsere tolle Protagonistin, die uns doch so sehr beweisen will, dass sie in der Lage ist wie ein (attraktiver) Mann auszusehen, noch einen Lover, der sie auch aus einer obligatorischen gefährlichen Lage rettet, dem sie aber leider das Herz bricht, weil er halt nicht so toll ist wie Holmes.

Was fehlt unserer guten Sue denn noch? Achja, eine tragische Vergangenheit. Klar, die hat sie natürlich auch; das Klischee schlechthin sogar, denn unsere Protagonistin wurde auch schonmal vergewaltigt, kommt damit aber recht gut klar. Ist ja auch kein zu traumatisches Erlebnis sowas.

Und bevor die Rezension sich wie das Buch nur um diesen einen Charakter dreht, äußere ich mich auch noch kurz zum Schreibstil und zum Fall. Leider können diese beiden Aspekte dieses Buch auch nicht mehr retten, denn der Schreibstil ist an manchen Punkten einfach zu schwammig. Oder habt ihr schon einem anderen Menscheen ein warmes Gefühl ins Herz gestrahlt? Und auch der übermäßige Gebrauch des Wortes sinnieren während ein paar aufeinanderfolgenden Kapiteln störte mich. Ich finde es ja schön, wenn man nicht immer das Verb „denken“ oder „nachdenken“ benutzen möchte und deswegen auf ein anderes Verb ausweicht, aber man sollte doch nicht jedes noch so kleine Anzeichen von Denkleistung damit umschreiben.

Der Fall der Geschichte schien zu Beginn tatsächlich sehr spannend, jedoch verlor sich das irgendwann durch die Sorgen Holmes und all das gekünstelte Drama drumherum, sodass das Ende mich einfach nicht überzeugen konnte. So richtig spannend will es irgendwie nicht werden und vor den letzten 20 Seiten habe ich mich gefragt, wie man die Geschichte noch ohne Cliffhanger auflösen will. Tatsächlich hat Wendeberg das noch geschafft, allerdings auf eine irgendwie lustlos wirkende Weise, die bloß völlig verkrampft eine mögliche Fortsetzung vorbereitet, die Geschichte selbst aber einfach irgendwie ausplätschern lässt.

Insgesamt wirkt Teufelsgrinsen – Ein Fall für Anna Kronberg also schlichtweg wie eine Sherlock Holmes-Fanfiktion mit einer Mary Sue. Da hilft es auch nichts, dass die Autorin sich im Nachwort dafür entschuldigt, Sherlock Holmes sowie ein paar reale Persönlichkeiten genutzt zu haben. Man hätte etwas Ordentliches aus der Geschichte machen können, wäre der Fall ordentlich ausgearbeitet, die Protagonistin ein wenig glaubwürdiger gemacht, was durch eine andere Erzählperspektive als die Ich-Perspektive bereits leichter gewesen wäre, und sich nicht an bereits existierende Charaktere geklammert hätte. Denn wenn man sich im Nachwort für die Schwachstelle seiner Geschichte entschuldigt, warum verbessert man sie nicht, bevor man sie auf die Welt loslässt? Deswegen vergebe ich nur 1 von 5 Kreuzen.

† † † †

Gezeichnet Seitenfetzer

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2 Kommentare zu “Teufelsgrinsen – Ein Fall für Anna Kronberg

  1. Oje mine! Manchmal ist weniger wirklich mehr. Schade, wenn durch so extreme Überladenheit eine eigentlich gute Idee kaputt gemacht wird :/

    Ich hoffe, dein nächstes Buch rockt wieder!
    Ich wünsch dir einen schönen Donnerstag ♥
    LG aus Salzburg, Nana

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