Drachentraum Band 1

wpid-20150216_202926.jpgOriginaltitel: Ryuu wa tasogare no Yume o miru

Mangaka: Akira Himekawa

Verlag: Egmont Manga

Genre: Fantasy

Seitenzahl: 193

Anzahl Bände (in DE erschienen): 2

Erscheinungsjahr (Original): 2011

Drachentraum ist ein Manga, der mir von einer guten Freundin ausgeliehen wurde, weil sie selbst hellauf begeistert ist von dieser kleinen Reihe und es umso schlimmer findet, dass sie nicht komplett ins Deutsche übersetzt wurde. Doch nun, nach der Lektüre des ersten Bandes, erahne ich ein wenig, warum das so ist. Denn „gut gemeint“ ist etwas völlig anderes als „gut gemacht“. Der Klappentext des ersten Bandes verspricht jedenfalls Folgendes:

Ich habe alles verloren. Jetzt bleibt mir noch eins: Sie zu töten!

Kiya ist halb Mensch, halb Drache, in ihm fließt das Blut der Urzeit! Eine Söldnerorganisation namens „Illumine“, die sich auf die Tötung von als Mensch getarnten Bestien spezialisiert hat, überfällt seine Familie und entführt den kleinen Kiya. Jetzt soll er mit T.J. einem Killer mit Beinprothese, selbst auf die Jagd gehen…

Eine mitreißende Dark-Fantasy über das Gefühl nirgendwo dazuzugehören und den Kampf gegen innere Bestien!

Zum Klappentext

Ich habe den Klappentext erst gerade eben für die Rezension gelesen und bin ein wenig irritiert. Mal abgesehen davon, dass der obige Spruch, der wohl wie ein Zitat des Protagonisten wirken soll, völlig unpassend ist, spoilert der Klappentext nicht nur nahezu den kompletten Inhalt des ersten Bandes, sondern verspricht auch noch viel zu viel.

Die Bezeichnung als „mitreißende Dark-Fantasy“, bei der für meinen Geschmack im Übrigen noch ein Substantiv fehlt, ist ungefähr so treffend wie die Bezeichnung „Dystopie“ für Death Note. Wenn man den Manga unbedingt in dieses Genre quetschen will, wird man den einen oder anderen schwachen Anhaltspunkt finden – in diesem Falle also den Alucard-Klon T. J. und eine einzelne „düstere“ Szenerie am Ende des Bandes – aber es würde einem trotzdem nicht einfallen, wenn man diesen Manga beschreiben wöllte.

Der April, der April, er weiß nicht, was er will

Kommen wir nach dem Klappentext einfach mal direkt zu meinem größten Problem mit diesem Manga: Er ist so beständig wie April-Wetter. Bereits nach dem ersten Kapitel habe ich mich gefragt, worum es denn jetzt eigentlich gehen soll. Denn liest man den Klappentext nicht, wirkt es wie eine gequirlte Mischung aus Familiendrama, Frankenstein, willkürlicher Mythologie und einer großen Portion Elfen Lied. Das klingt an sich ja fast schon ganz gut, aber so, wie der Manga es vermixt, wirkt es, als habe man einfach drei verschiedene Handlungsstränge angefangen und dann ein großes, flauschiges Wollknäuel daraus geformt.

Und auch die Charaktere wirken irgendwie bizarr. Da haben wir zunächst einmal den Protagonisten Kiya, der irgendein Monster ist und ein sehr psychologisch fragwürdiges Verhältnis zu seiner Adoptiv-Schwester hat, die mal die Rolle einer Mutter für ihn einnimmt, mal aber auch Ziel seiner ersten pubertären Schwärmereien wird. Denn zu Beginn des Mangas, beginnt bei Kiya allmählich die Pubertät (zu anatomischen Details komme ich aber noch), die im Verlaufe der Story aber gerne spontan in die Phase eines naiven oder bockigen Kleinkindes umschlägt. Je nachdem, welche Emotion das vorankommen der Story gerade am meisten behindert. So einen Hauptcharakter, der irgendwie alles und gleichzeitig nichts ist und mit dem man sich einfach überhaupt nicht identifizieren kann, brauche ich wirklich nicht.

Dann gibt es auch noch einiges zu T. J. zu sagen. Ignorieren wir mal seinen merkwürdigen Namen, denn mit Namen hat es Himekawa nicht so (wie wir später noch feststellen werden). Dieser ist, wie bereits erwähnt, wohl irgendwie ein misslungener Klon Alucards aus Hellsing. Sie tragen ähnliche Klamotten, haben ähnliche Frisuren und nehmen beide die Rolle des strengen Badass-Vormunds, der seine Gefühle irgendwo versteckt, ein.* Das Problem bei T. J. ist allerdings, das man ihm diese Tour einfach nicht abkauft. Erst sagen alle über ihn, er würde normalerweise keine Kraftausdrücke benutzen und sie hätten ihn noch nie sooo unglaublich  sauer erlebt und später lästern sie dann plötzlich über ihn, man dürfe sich seine Art nicht so zu Herzen nehmen, er sei immer so schlecht gelaunt. Ja, was denn nun? Und, Himekawa, auch wenn du kein Deutsch verstehst, es ist einfach nicht spannend, wenn du erst alles dafür gibst, einen Charakter möglichst unsympathisch auftreten zu lassen, und dann zwei Seiten später seine emotionale Seite hervorkramst und seine ach so tragische Vergangenheit offenbarst – und das in der Mitte des ersten Bandes.

Logik, ein verflixtes Biest

Und genau wie die Geschichte weiß auch ihre Logik nicht so wirklich, wer sie ist. So gibt es, gerade in den Dialogen, die wissenschaftlich und komplex wirken sollen, so manch fragwürdigen Zusammenhang. So können die Angestellten der Organisation z.B. den Blutdruck und die Körpertemperatur Kiyas messen, ohne das er an irgendwelche Geräte angeschlossen ist. Meine Mutter hat in meiner Kindheit auch immer mit bloßen Angucken und einem Bildschirm, der in keinster Weise mit mir verbunden ist, meine Körpertemperatur überprüft. Und auch, was die angestrebte Professionalitäts-Ebene der medizinischen Kenntnisse der Organisation betrifft, ist sich der Manga nicht sicher, was er eigentlich vermitteln will: Mal wird mit halb-lateinischen Begriffskonstallationen um sich geworfen, mal sind so schwammige Begriffe wie die schwache „Vitalkraft“ der Grund, warum Kiyas Leben bedroht ist. Und auch die Erklärung, dass sich etwas von Menschenfleisch ernährt, weil der Hass sich in die DNA der Spezies gedrückt hat, klingt eher geraten als nachgewiesen. Ich meine, wer geht davon aus, dass Mücken sich unter Anderem von Menschenblut ernähren, weil ihre Vorfahren angefangen haben, die explizit die Menschen zu hassen? Können Mücken überhaupt hassen? Aber ich schweife ab.

Weitere Fragen, die mir im Zusammenhang mit der Logik an sich beim Lesen aufgekommen sind, stellen die Folgenden dar:

Wo sind Kiyas Geschlechtsteile? Wenn man ihn schon permanent nackt zeichnen muss, warum kann man dann den Bildausschnitt nicht so wählen, dass der Bereich entweder nicht gezeigt wird, oder aber zumindest so angedeutet ist, dass Kiya besser bestückt ist als Ken.

Und wie kann er in der Drachengestalt sein Geschäft verrichten? Gut, diese Frage muss nicht zwingend beantwortet werden, schließlich kann er sich für das große Geschäft auch einfach in einen Menschen verwandeln (der dann aufgrund mangelnder Geschlechtsorgane zwar keine Flüssigkeit loswerden könnte, aber er könnte zumindest das andere), aber daran lässt sich erkennen, was meine Kritik ist: Kiyas Drachengestalt ist anatomisch einfach unsinnig gestaltet. Wenn bei seiner Spezies der Schwanz wirklich zwischen den Arschbacken sitzt, und so sieht es auf manchen Bildern tatsächlich aus, dann wundert es mich gar nicht, dass sie so gut wie ausgestorben ist.

Panelanordnung, Zeitsprünge und noch mehr Schwammigkeit

Kommen wir nun zu den auffälligen Dingen, die sich nicht in die anderen Kategorien einordnen lassen. Zu allererst fiel mir noch im ersten Kapitel eine teilweise ungünstige Panelverteilung auf. Denn wenn man bei einer 4-Panel-Seite nach dem ersten Panel ohne irgendwelche Ankündigungen den Schauplatz und Handlungsstrang wechselt, ist das nichts anderes als Mobbing des Lesers.

Ebenso verwirrend ist es, dass beim vierten Kapitel plötzlich eine Zusammenfassung der aktuellen Ereignisse sowie ein Zeitsprung gemacht werden, was den Eindruck vermittelt, an der Stelle hätte eigentlich der nächste Band anfangen sollen, und beim fünften Kapitel plötzlich ein Vorspann vor dem Kapitel vor das Kapitel geschoben wurde. Ich habe ja nichts dagegen, wenn man das mal macht, aber muss man das unbedingt noch beim letzten Kapitel des Bandes einführen?

Und auch was die Handlungsorte bzw. die Einsatzorte der Organisation anbelangt, kann der Manga sich mal wieder nicht entscheiden, denn so ziemlich alle Einsätze, von denen berichtet wird, spielen in realen Städten – außer Kiyas erster Einsatz. Der spielt in einer erfundenen Stadt in einem erfundenen Land, das wie die Kombination aus den Worten Russland, Banane und Bulgarien klingt. Rusibanien.** Ist bestimmt schön da.

Zu guter Letzt muss ich auch noch was zur Sprache loswerden, bevor ich mit dem Gemeckere aufhöre. Zu den Namen und den Erklärungen dazu werde ich mich einfach gar nicht äußern, denn der Manga bietet auch schon so genügend Wortakrobatik (abseits von Russland-Bananen-Bulgarien). So findet man zum Beispiel ein paar „einschneidene Stiche“, als Kiya mal wieder in einer Schmoll-Phase ist. Liest sich ja eigentlich ganz gut, solange man das Gehirn im Energiesparmodus lässt. Mich hat jedenfalls noch keine der genmanipulierten Hass-Mücken beim Stechen auch noch geschnitten. Ebenso ist die Bezeichnung eines Plüschhundes als „Bär“ doch eine eher fragwürdige Übersetzung.  Aber der absolute sprachliche Tiefpunkt war wohl in dem Moment erreicht, als Kiya den Befehl zum Gestaltwechseln erlernen sollte. BECOME HUMAN! Denn auf Englisch klingt das viel cooler und actionlastiger! Im Übrigen ist das der einzige Befehl im ganzen Manga, der auf Englisch erteilt wird. Beim ganzen Rest reicht die deutsche Sprache für den Action-Faktor wohl gerade noch so aus.

Also alles scheiße?

Nein, das kann ich nun am Ende dieser Rezension so auch nicht sagen. Drachentraum hat einen schönen, gut verständlichen Zeichenstil, bei dem sich die Charaktere deutlich genug unterscheiden und weder zu viele noch zu wenige Details eingebracht wurden. Außerdem merkt man diesem Manga auf jeder Seite an, dass er mit einer Menge Herzblut geschaffen wurde. Leider ist „gut gemeint“ aber eben noch immer nicht „gut gemacht“ und deswegen kann ich dem ersten Band von Drachentraum auch nicht mehr als 1 1/2 Kreuze geben.

† † †

Gezeichnet Seitenfetzer

*Ich beziehe mich an dieser Stelle auf den Alucard, den man zu Beginn des Hellsing OVAs präsentiert bekommt. Ansonsten entzieht er sich leider meinem Kenntnisstand.

** Ja, das erfundene Land heißt wirklich exakt SO!

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